Gesellschaftliche Selbstermächtigung

Die Akzeptanz der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in der deutschen Bevölkerung im Dezember 2020  – Zusammenfassung erster Ergebnisse

Peter Kirsch, Hanno Kube, Reimut Zohlnhöfer (Universität Heidelberg)


Im Rahmen ihres interdisziplinären Projektes am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg zum Thema „Gesellschaftliche Selbstermächtigung: Ausmaß, Gründe, Folgen, Maßnahmen“ hatten Peter Kirsch (Psychologie), Hanno Kube (Öffentliches Recht) und Reimut Zohlnhöfer (Politikwissenschaft) eine Umfrage zur Wahrnehmung der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in der deutschen Bevölkerung durchgeführt. Zwischen dem 30. Juni und dem 07. Juli 2020 wurden 1351 Teilnehmer eines Online-Access-Panels befragt, wobei das Sample bevölkerungsrepräsentativ nach Geschlecht, Alter und Bildung ist (für eine Zusammenfassung der Ergebnisse, vgl. https://www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de/md/einrichtungen/mk/fellows/zohlnhofer__kube__kirsch.pdf). Nun haben die Wissenschaftler ihre Befragung zwischen dem 30.11.2020 und dem 11.12.2021 an einer erneut repräsentativen Stichprobe von 1099 Befragten, ebenfalls Teilnehmer eines Online-Access-Panels, wiederholt, um zu untersuchen, wie stabil die gefundenen Ergebnisse waren und inwieweit die stark erhöhten Infektionszahlen in der zweiten Welle zu einer Veränderung der Einstellungen zu den Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Maßnahmen geführt haben. Die Befragten der beiden Umfragen waren nicht identisch.
Im Folgenden werden erste Befunde aus dieser zweiten Befragung präsentiert und, wo möglich, mit den Zahlen aus dem Sommer verglichen.

Abbildung 1: Zufriedenheit mit der politischen Bewältigung der Pandemie1

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Die Bundesregierung und die Länderregierungen scheinen die Bevölkerung mit ihrer Strategie zur Bekämpfung der Corona-Pandemie derzeit weniger zu überzeugen als im Sommer. So gaben nur noch gut 55% der Befragten (statt über zwei Drittel (68,3%) im Sommer) an, mit der Arbeit der Bundesregierung im Hinblick auf die Eindämmung der Corona-Pandemie zufrieden zu sein, nur noch 25 statt 37 Prozent waren sogar sehr zufrieden. Waren im Sommer dagegen noch nicht einmal ein Viertel der Befragten (23,5%) eher oder sehr unzufrieden, wuchs deren Anteil inzwischen auf fast 36%.


Abbildung 2: Einschätzungen zur Reichweite der Maßnahmen

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Diese wachsende Unzufriedenheit spiegelt sich auch in der Einschätzung der Reichweite der Corona-Schutzmaßnahmen (Abbildung 2). Der Anteil der Befragten, die der Auffassung sind, dass die getroffenen Maßnahmen gerade richtig sind, ist erheblich gefallen, von knapp zwei Drittel der Befragten (64,7%) auf ein gutes Drittel (35,4%). Während der Anteil derjenigen, die die Maßnahmen als zu einschneidend einschätzte, etwa konstant geblieben ist (jeweils etwa 20%), hat sich der Anteil der Befragten, denen die ergriffenen Maßnahmen nicht weit genug gingen, fast verdreifacht, von 15,3 auf 43,8%. Zu beachten ist allerdings, dass unsere Umfrage vor der Verkündung des zweiten Lockdowns abgeschlossen war, sodass das neuerliche Herunterfahren des öffentlichen Lebens sich in den Daten noch nicht widerspiegeln kann.


Abbildung 3: Wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, sich in den nächsten zwei Monaten zu infizieren

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Deutlich erhöht hat sich auch die Sorge, selbst an Covid-19 zu erkranken, wenn das bisher noch nicht passiert ist (Abbildung 3). Während dies im Sommer 67% der noch nicht infizierten Befragten für unwahrscheinlich oder sogar sehr unwahrscheinlich hielten, sind es im Dezember nur noch 48,6%, die die Gefahr, sich zu infizieren, als gering einschätzen. Für wahrscheinlich oder sogar sehr wahrscheinlich, sich in den nächsten zwei Monaten zu infizieren, halten es inzwischen fast 32% der Befragten (Sommer: knapp 19%).

Abbildung 4: Einhaltung der Corona-Regeln (Selbstauskunft)

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Weitgehend unverändert geblieben ist die Bereitschaft zur Befolgung der Regeln, wie Maskenpflicht, Kontakteinschränkungen, Einschränkungen im Freizeitbereich etc. Laut der Selbstauskunft der Befragten halten sich 83% der Befragten immer oder meistens an die Regeln (Abbildung 4). Auch der Anteil derjenigen, die von sich behaupten, sich selten oder nie an die Corona-Regeln zu halten, ist gering geblieben bei 3 bis 4%.
Zugleich scheint es die Wahrnehmung eines gewissen Durchsetzungsdefizits auf Seiten der Befragten zu geben. Die Wahrscheinlichkeit, von Polizei oder Ordnungsamt bei Verstößen gegen die Corona-Auflagen erwischt zu werden, schätzt über die Hälfte der Befragten (49,8%) als unwahrscheinlich oder sehr unwahrscheinlich ein (Abbildung 5), ein gegenüber dem Sommer weitgehend unveränderter Wert. Auch der Anteil derjenigen, die es für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich halten, erwischt zu werden (38%), hat sich nur wenig verändert.

Abbildung 5: Wahrscheinlichkeit, von Polizei oder Ordnungsamt bei Verstößen gegen Corona-Einschränkungen erwischt zu werden

 

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Trotz der deutlichen Zunahme des subjektiv wahrgenommenen Infektions-Risikos ist die Impfbereitschaft in der Bevölkerung substantiell gesunken (Abbildung 6), und dies, obwohl ein Impfstoff in Kürze verfügbar sein dürfte. Nur noch 46% der Befragten geben an, sich sehr wahrscheinlich oder ziemlich wahrscheinlich impfen lassen zu wollen (Sommer: 54,7%), während 29% es für ziemlich oder sehr unwahrscheinlich halten, dass sie sich impfen lassen (Sommer: 24%). Die Zahl der Unentschlossenen hingegen ist gegenüber dem Sommer mit 24% gegen 22% nahezu gleichgeblieben.


Abbildung 6: Impfbereitschaft

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Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und ihrer Bekämpfung zeigen sich bei den Befragten sehr deutlich (diese Frage wurde im Sommer nicht gestellt) (Abbildung 7). Fast die Hälfte der Befragten (47,9%) gibt an, dass sich ihre wirtschaftliche Situation verschlechtert oder sogar stark verschlechtert hat – letzteres sagen immerhin knapp 15% der Befragten. Dagegen ist der Anteil derjenigen, deren wirtschaftliche Situation sich verbessert hat, mit knapp 18% deutlich kleiner.

Abbildung 7: Veränderung der eigenen wirtschaftlichen Situation durch die Pandemie und deren Bekämpfung (Umfrage Dezember)

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Die Impfbereitschaft unter den Befragten der Dezember-Umfrage hängt offenbar stark mit dem Alter zusammen, wie Abbildung 8 verdeutlicht. Unter den Befragten, die 70 Jahre alt und älter sind, also unter einer besonderen Risikogruppe, ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, mit über 70% sehr ausgeprägt. Dagegen ist die Impfbereitschaft unter den jüngsten Befragten im Alter zwischen 18 und 29 Jahren mit 35,2% im Durchschnitt nicht einmal halb so groß. Dieser positive Zusammenhang zwischen Alter und Impfbereitschaft zeigt sich auch bei Verwendung statistischer Zusammenhangsmaße und unter Drittvariablenkontrolle.

Abbildung 8: Impfbereitschaft nach Alter (Umfrage Dezember)

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Mindestens ebenso klar ist der Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit der Befragten in der Dezember-Umfrage mit der Coronapolitik und ihrer Impfbereitschaft (Abbildung 9). Erneut zeigt sich ein eindeutiger Trend, demzufolge mit zunehmender Zufriedenheit auch die Impfbereitschaft zunimmt. So ist die Impfbereitschaft derjenigen, die mit der Bewältigung der Corona-Pandemie sehr zufrieden sind, mit 67,9% fast viermal so hoch wie unter denjenigen, die mit der Corona-Politik sehr unzufrieden sind (18,2%). Wiederum können diese Effekte auch statistisch bestätigt werden.

Abbildung 9: Impfbereitschaft nach Zufriedenheit mit Coronapolitik (Umfrage Dezember).

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Wie in Abbildung 10 zu sehen ist, zeigt sich zudem, dass das Vertrauen der Befragten in die Wissenschaft eine Rolle für die Impfbereitschaft spielt. Insbesondere Befragte, die Vertrauen oder sogar großes Vertrauen in die Wissenschaft haben, sind deutlich eher bereit, sich impfen zu lassen (51,8 bzw. 63,5%) als Befragte, die wenig oder kein Vertrauen in die Wissenschaft aufweisen.

Abbildung 10: Impfbereitschaft und Vertrauen in die Wissenschaft (Umfrage Dezember).

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Mit dem Aufkommen der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen ist auch ein psychologisches Phänomen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, die sog. Verschwörungsmentalität, womit die Neigung gemeint ist, hinter schwer zu verstehenden Ereignissen, Verschwörungen zu vermuten. Erstaunlicher Weise hat diese Verschwörungsmentalität seit Juli signifikant zugenommen, der Mittelwert einer Skala von 1 (niedrig) bis 11 (hoch) stieg von 5,9 auf 6,5. Wie man aus Abbildung 11 ersehen kann, ist der Anteil der Bevölkerung, die eine erhöhte Verschwörungsmentalität aufweist, von 11 auf 17 % gestiegen.

Abbildung 11: Anteil an der Bevölkerung mit einer geringen (unter 3,5), einer durchschnittlichen oder einer erhöhten (über 8,5) Verschwörungsmentalität

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Die Verschwörungsmentalität steht auch im Zusammenhang mit der Zufriedenheit mit der Coronapolitik, je geringer die Zufriedenheit mit der Politik, desto höher ist die Verschwörungsmentalität (Abbildung 12).

Abbildung 12: Verschwörungsmentalität nach Zufriedenheit mit Coronapolitik (Umfrage Dezember).

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Einen ebenfalls deutlichen Zusammenhang, der auch noch signifikant zugenommen hat seit dem Sommer, ist der zwischen Verschwörungsmentalität und Impfbereitschaft. Wie Abbildung 13 zeigt, sagen in der Gruppe mit einer geringen Verschwörungsmentalität 69,4% der Befragten, dass sie sich wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich impfen lassen wollen, während dies in der Gruppe mit der erhöhten Verschwörungsmentalität nur 34,9% angeben.
Anders herum dargestellt, ist die Verschwörungsmentalität bei den Menschen, die sich impfen lassen wollen, deutlich geringer als bei den Menschen, die eine Impfung für sich selbst ablehnen (Abbildung 14).


Abbildung 13: Impfbereitschaft in Abhängigkeit der Ausprägung der Verschwörungsmentalität (Umfrage Dezember).

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Abbildung 14: Verschwörungsmentalität in Abhängigkeit der Impfbereitschaft (Umfrage Dezember).

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PDF VERSION (Dezember 2020).

PRESSEMITTEILUNG DER UNIVERSITÄT HEIDELBERG ZUR STUDIE (Dezember 2020)

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Endnote:

1Hier wie in allen weiteren Abbildungen, in denen die Werte aus beiden Befragungen gegenübergestellt werden, sind die Ergebnisse der ersten Befragung in blau und die der zweiten Befragung in orange dargestellt.

 

Stand: 19. Dezember 2020, 11h
Kontakt:
Reimut Zohlnhöfer (reimut.zohlnhoefer@ipw.uni-heidelberg.de)
Peter Kirsch (Peter.Kirsch@zi-mannheim.de)
Hanno Kube (kube@uni-heidelberg.de)

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Frühere Veröffentlichung:

Die Akzeptanz der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in der deutschen Bevölkerung im Juli 2020 – Zusammenfassung erster Ergebnisse

Peter Kirsch, Hanno Kube, Reimut Zohlnhöfer (Universität Heidelberg)

Die Zusammenfassung der Umfrage im Juli 2020 und die dazugehörige Pressemitteilung können hier abgerufen werden:

PDF VERSION (Juli 2020).

PRESSEMITTEILUNG DER UNIVERSITÄT HEIDELBERG (Juli 2020)

Stand: 17. Juli 2020, 18h
Kontakt:

Reimut Zohlnhöfer (reimut.zohlnhoefer@ipw.uni-heidelberg.de)
Peter Kirsch (Peter.Kirsch@zi-mannheim.de)
Hanno Kube (kube@uni-heidelberg.de)

Seitenbearbeiter: Geschäftsstelle
Letzte Änderung: 21.12.2020
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