Literaturwissenschaft und Leiblichkeit

Die Literaturwissenschaft thematisiert Leiblichkeit im Blick auf drei Problemfelder. Produktionsästhetisch untersucht sie den Autor und seinen Schaffensprozess; rezeptionsästhetisch bezieht sie ihre Untersuchungen auf den Leser und die Geschichte von Textlektüren; poetologisch richtet sie sich auf das Werk, in dem die Leiblichkeit zwei Orte findet: zum einen als gestaltete Thematik innerhalb des Werks und zum anderen als im Werk begründeter Zustand des Lesers während der Lektüre. Im Rahmen des Projekts soll der Fokus auf der Poetologie liegen.

Der Zusammenhang von Körper, Seele, Geist ist immer schon Thema der Dichtung, die den Menschen in seiner literarischen Gestaltung zum Gegenstand hat. Der Dichter behandelt die Themen, mit denen sich auch die Wissenschaften beschäftigen, derart, dass er über die in den Wissenschaften geläufigen Zugänge hinaus auch andere Zugänge zum Thema verwenden kann. So übersteigen zum Beispiel Krankheitsdarstellungen im „Zauberberg“ alles Lehrbuchwissen; andererseits benennt der Psychiater Richard von Krafft-Ebing sexuelle Deviationen nach den Autoren von literarischen Werken (Sadismus, Masochismus). Die Literaturwissenschaft liefert in ihrer Interpretation von Dichtung also Material, das den Blick der beteiligten Fachwissenschaften das eine Mal übersteigt, das andere Mal belegt. Aber zugleich ist die Literaturwissenschaft auch auf die Begrifflichkeit der anderen Wissenschaften angewiesen, die den Menschen zu erschließen helfen. Je feiner die Begrifflichkeit der anderen Wissenschaften formuliert ist, desto größer die Möglichkeit der Literaturwissenschaft, die vom Dichter veranschaulichten Sachverhalte freizulegen. Besondere Relevanz besitzen hier nicht-dualistische psychiatrische Konzeptionen, die dem Zusammenhang von Seele, Körper, Geist nachgegangen sind (Karl Jaspers, Viktor Emil von Gebsattel, Werner Janzarik). Diese Theorien warten geradezu auf literaturwissenschaftliche Anwendungen und Rückspiegelungen.

Ziel des Teilprojekts ist es, durch den engen Austausch mit den hier anstehenden Disziplinen die nötige Begrifflichkeit zu erarbeiten, um das anthropologische Wissen von Dichtungen zu artikulieren. Zudem soll auf einer zweiten Linie der vom Werk gelenkte ästhetische Zustand des Lesers während der Lektüre untersucht werden. Der Kern dieses Zustandes kann als „Lust am Text“ (Roland Barthes) bezeichnet werden. Von diesem Kern aus lassen sich sowohl Verbindungen zur Ästhetik Kants als auch zur empirischen Ästhetik herstellen. Im Projekt sollen diese beiden Linien zueinander in Beziehung gesetzt werden, um Potentiale für eine unverkürzte Erschließung der Leiblichkeit zu ermitteln.

Seitenbearbeiter: Geschäftsstelle
Letzte Änderung: 06.11.2013
zum Seitenanfang/up